Ich war noch niemals in Paris

Ausschnitt aus Google Tracking

Kennen Sie diese Menschen, die eher etwas Falsches sagen, als zuzugeben dass sie die richtige Antwort nicht kennen?
Psychologische Tests haben gezeigt, dass wir immer versuchen, irgendeine Aussage zu treffen, Nichtwissen scheint schlimmer zu sein, als jemanden in die falsche Richtung zu schicken.
Probieren Sie es aus: Fragen Sie in Ihrer Stadt nach einem Museum, das es nicht gibt – und schon erfahren Sie dessen (sehr verschiedene) Adressen.
Das ist allzu menschlich, und gehört auch nicht in ein technikbetontes Magazin.

417 Kilometer in 25 Minuten. Mit dem Auto.

Weil es mich manchmal interessiert, wie lange ich zum Beispiel an einem bestimmten Ort war, schaue ich schon mal in meine Google Standortdaten. Informelle Selbstbestimmung kann auch mal heißen, dass ich mich für ein Tracking entscheide.

Was aber bedeutet der rote Punkt an der Seine? Das WordCamp habe ich leider verpasst, außerdem war das früher. Ich war noch niemals in Paris, erst recht nicht am ersten Juli-Wochenende, denn da war in Düsseldorf Start der Tour de France. Und ich mittendrin. Aber meine Google-Standorthistorie behauptet: Doch. Nur mal eben für 20 Minuten.

Anhand der Geschwindigkeit hat die Datenkrake richtig errechnet, dass ich mit dem Fahrrad bis zur Messe gefahren bin. Doch dann bin ich plötzlich in Paris. Auch wenn der Flughafen der Landeshauptstadt gleich nebenan liegt weiß der Alleswisser es besser – von dort kann ich nur mit dem Auto gefahren sein. Dass die rund 1000 km/h weder meinem sonst üblichen Smarttempo entsprechen, noch dass es keine Luftlinien-Autobahn gibt wecken Zweifel in der künstlichen Intelligenz.

Elons Musks Hyperloop könnte das vielleicht schaffen.

Die Erklärung für das Phänomen ist sicher logischer: Während ich mich im Fahrerlager der Radprofis umgeschaut habe, hat sich mein Smartphone wohl ins WLAN von France TV eingehängt und über einen französischen Provider falsche Ortsdaten erhalten.

Welche Folgen hat es, wenn Google rät?

Unschärfe ist ein Kennzeichen von Intelligenz-imitierenden Systemen. Ohne Annäherungen wäre da nichts zu machen. Aber was bedeutet es, wenn in meiner Standortliste immer mehr Orte auftauchen, an denen ich nie war? Das Parisbeispiel ist sicher ein ungewöhnlicher Ausreißer. Aber alleine die Zahl der Geschäfte, Cafés und Kneipen, die ich beurteilen soll obwohl ich bestenfalls in der Nähe war, nimmt zu. Und mehr als einmal habe ich ein falsches Ziel angefahren, weil Googles Navigation mir nicht sagt, dass mein grobvertippter Buchstabenmüll keinen Sinn gibt, sondern stillschweigend auswählt, was sie daraus zu verstehen glaubt.

Die WELT fragte kürzlich, ob bald ein Algorithmus entscheide, wer ins Gefängnis muss. Sicher wird das nicht allein vom Google-Standort abhängen, aber wie bei allen statistischen Prozessen kann eine falsche Datenbasis fatal sein. Tatsächlich stellen auch neuere Untersuchungen zur Verbrechensprävention durch KI fest, dass die selbstlernenden Systeme vermehrt menschliche Vorurteile übernehmen.

Die Auswertung von großen Datenbergen stellt so eine Software zum Beispiel fest, dass US-Amerikaner mit dunkler Hautfarbe häufiger mit Drogenkriminalität in Verbindung stehen und berücksichtigt dies in der Planung der nächsten Kontrollen. Tatsächlich übernimmt sie dabei nur die Schein-Kausalität, die allein daraus entstehen kann, dass die Mehrzahl der Polizisten durch Vorurteile überdurchschnittlich viele Dunkelhäutige verdächtigt und durchsucht, was dann zu einer höheren absoluten Zahl von Erwischten in dieser Zielgruppe führt – auch wenn der prozentuale Anteil gleich ist.

Häufig wissen auch Entwickler nicht mehr, wie die KI sich ihre Informationen zusammensucht. Bleibt zu hoffen, dass zukünftige Systeme den Zweifel entdecken und bei unlogischen Ergebnissen neue Hypothesen entwickeln, statt – ganz menschlich – das Halbwissen zur Wahrheit zu erklären.

Man muss Googles Standortdaten nicht nutzen

So lässt sich das Ortstracking von Google übrigens abschalten:
Unter iOS unter den App-Einstellungen > Google Maps den Standort-Reiter auswählen und dann ‚Nie‘ anklicken, wenn es um ‚Zugriff auf Standort‘ geht.
Bei Android wird es direkt in den Einstellungen von Google Maps deaktiviert. Dazu auf ‚Einstellungen klicken‘, den Punkt ‚Google-Standorteinstellungen‘ auswählen und dort den Haken entfernen.
Welche Daten Google trackt kann jederzeit unter privacy.google.com eingesehen werden.