Designer müssen coden können

HTML-Element Body auf Leinwand mit Flecken

Das hat doch gerade noch gefehlt! Die Luft wird sowieso dünner im Designgeschäft, nicht zuletzt weil viele Webentwickler mit fertigen WordPress-Themes (wenn man Glück hat – wenn man Pech hat auch fragwürdigen eigenen Designambitionen) komplette Layouts erstellen und auf Printprodukte immer mehr verzichtet wird. Und nun sollen Grafikdesigner, dem Guten und Schönen verpflichtet, auch noch in die Welt der Programmierer hineinfinden? Mit einer Gruppe von Menschen also, die – nicht unberechtigt – meist ein räumlich getrenntes Dasein in der Agentur fristen, wo sie ihrer infantil-guten Laune nach kommen können oder schweigend vor sich hin codieren? Warum sollten Designer sich also mit so etwas gestaltlosem wie HTML oder CSS, also tabellenartigem Text, befassen?

Web ist kein Fernsehen

Natürlich tun wir jungen Mediengestaltern mit reichlich Praxiserfahrung unrecht, wenn wir ihnen so ein feindseeliges Verhältnis zum Coden unterstellen. Aber in der täglichen Webentwicklungs-Praxis trifft man oft genug auf Designer, die nicht die geringste Vorstellung davon haben, wie der Screen in den Browser kommt, dass sich die Text- und Bildelemente nicht wie ein Fernsehbild übertragen. Und das betrifft nicht nur die älteren Kollegen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum, dass Designer in Zukunft die Vorarbeit (oder gleich die ganze Webumsetzung) machen sollen, wobei das in kleinen Projekten durchaus Sinn machen würde. Tatsächlich ist es für viele Grafiker aber eine wertvolle Zusatzqualifikation, wenn sie brauchbare Prototypen erstellen können, die dann von den Programmierern und CMS-Einrichtern nur noch „belebt“ werden müssen.

In erster Linie sollten die Gestalter wissen, wie eine Website aufgebaut ist, welche zahlreichen Möglichkeiten HTML, CSS und JavaScript bieten – und wo die Grenzen sind. Dadurch lässt sich nicht nur eine Menge Ärger mit den – ohnehin kommunikativ schwierigen – Programmieren ersparen, es ist auch eine Chance ganz neue Ansätze für das eigene Handwerk zu finden.

Denn was vielen Grafikgestaltern, die eine präzise, eindeutige Gestaltung von unveränderbaren Druckerzeugnissen gelernt haben, heute immer mehr Bauchschmerzen macht, ist die immer flexibler werdende Webgestaltung. Der selbe Inhalt muss in verschiedenen Größen, Formaten und womöglich auch darstellungsabhängigen Veränderungen funktionieren. Am Besten auch schon für Ausgabegeräte, die es noch gar nicht gibt…

Angst vor dem Kontrollverlust?

Hat man sich darauf erst einmal eingelassen, ist das aber ein hochspannender Arbeitsbereich – mehr noch als der Sprung vom Fotografieren zum Bewegtbild.

Es lohnt sich also, sich ein paar Grundkenntnisse über HTML-Coding anzueignen. Das muss nicht für die perfekte Website reichen, tut aber ganz gut, um zu wissen, was da passiert. Wer schon Grundkenntnisse hat und mehr über responsive, also anpassungsfähige Webseiten erlernen will, kann sich das Bootstrap-Framework anschauen – das zwar nur einer von vielen Ansätzen ist, aber sehr weit verbreitet und neben einer verständlichen Rasteraufteilung auch noch andere Standards mitbringt.

Wer vor all der Technik mehr Angst hat als vor den Freaks aus dem IT-Keller, sollte mal ein paar Stunden mit so einem Entwickler verbringen und sich die Grundlagen erklären lassen. Im Gegenzug lernt der vielleicht auch, dass gutes Design mehr ist als die Laune von Schöngeistern.

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